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Sildenafil Studien: Wie gut wirkt der Wirkstoff wirklich?

Was klinische Studien über Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Grenzen verraten.

74 Prozent: Eine solche Zahl klingt nach einer einfachen Antwort auf die Frage, ob Sildenafil hilft. Doch was wurde gezählt – Männer mit einer Verbesserung, erfolgreiche Versuche beim Geschlechtsverkehr oder Punkte in einem Fragebogen? Wer die Studien verstehen will, muss diese Unterschiede kennen. Sonst wird aus einem belastbaren Ergebnis schnell ein Versprechen, das die Untersuchung gar nicht gemacht hat.

Die Forschung liefert gute Gründe für den medizinischen Einsatz von Sildenafil bei erektiler Dysfunktion. Sie liefert zugleich Gründe, genauer hinzusehen: auf die untersuchten Männer, auf den Vergleich mit Placebo und auf die Grenzen der Beobachtungszeit. Dieser Artikel ordnet ausgewählte Schlüsselstudien ein. Er ist eine journalistische Evidenzübersicht, keine vollständige systematische Literaturrecherche.

Was haben die großen Sildenafil-Studien gezeigt?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA beschreibt vier Hauptstudien mit insgesamt 1.690 Männern im Alter von 19 bis 87 Jahren. Sildenafil wurde über zwölf bis 26 Wochen mit Placebo verglichen. In den Studien mit festen Dosierungen berichteten 62 Prozent bei 25 mg, 74 Prozent bei 50 mg und 82 Prozent bei 100 mg über verbesserte Erektionen; bei Placebo waren es 25 Prozent. Erfasst wurden unter anderem Angaben zur Fähigkeit, eine Erektion zu erreichen und aufrechtzuerhalten. Quelle: EMA, Viagra-Übersicht.

Entscheidend ist das Wort „verbessert“. Eine Verbesserung kann für einen Betroffenen viel bedeuten, ist aber nicht mit einer vollständigen Normalisierung gleichzusetzen. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass bei jedem einzelnen sexuellen Kontakt ein bestimmter Erfolg garantiert wäre. Die Zahlen beschreiben Gruppen unter Studienbedingungen.

Die Schlüsselstudie von 1998: Zwei verschiedene Fragen

Goldstein und Kollegen veröffentlichten 1998 im New England Journal of Medicine zwei aufeinanderfolgende, doppelblinde Untersuchungen. Eine Studie mit 532 Männern prüfte über 24 Wochen feste Dosierungen. Eine weitere mit 329 Männern untersuchte über zwölf Wochen eine an Wirkung und Verträglichkeit angepasste Dosierung. In den letzten vier Wochen dieser zweiten Untersuchung waren 69 Prozent der Versuche beim Geschlechtsverkehr unter Sildenafil erfolgreich, gegenüber 22 Prozent unter Placebo. Quelle: Goldstein et al., 1998.

Diese 69 Prozent beantworten eine andere Frage als die oben genannten 74 Prozent. Hier geht es um Versuche, dort um Männer, die eine Verbesserung berichteten. Ein Teilnehmer kann mehrere Versuche beitragen. Man darf die Werte deshalb weder austauschen noch zu einer einzigen „Sildenafil-Erfolgsquote“ zusammenziehen.

Auch das häufig genannte Wort „doppelblind“ verdient eine Übersetzung: Weder die Teilnehmer noch die unmittelbar betreuenden Untersucher sollten wissen, wer Wirkstoff und wer Placebo erhält. Damit wird der Einfluss von Erwartungen auf die Bewertung begrenzt. Es macht eine Studie aussagekräftiger, beseitigt aber nicht jede mögliche Verzerrung.

Die wichtigsten Daten im Überblick

Ausgewählte Untersuchungen – unterschiedliche Endpunkte, unterschiedliche Aussagen
Quelle Teilnehmer und Dauer Zentrales Ergebnis Grenze der Aussage
EMA: vier Hauptstudien 1.690 Männer; 12–26 Wochen Verbesserte Erektionen: 62–82 % je nach fester Dosis, 25 % unter Placebo Keine Garantie für jeden einzelnen Versuch
Goldstein et al., 1998 532 beziehungsweise 329 Männer; 24 beziehungsweise 12 Wochen In der flexiblen Studie zuletzt 69 % erfolgreiche Versuche, 22 % unter Placebo Die Prozentzahl bezieht sich auf Versuche
Rendell et al., 1999 268 Männer mit Diabetes randomisiert; 12 Wochen Verbesserte Erektionen: 56 % gegenüber 10 % in der berichteten Auswertung Eigene Patientengruppe und begrenzte Dauer
McMurray et al., 2007 979 vorbehandelte Männer; offene Verlängerung über 4 Jahre 584 beendeten die Verlängerung Ausgewählte Teilnehmer, keine Placebogruppe

Die Zeilen sind keine Rangliste. Unterschiedliche Studiendesigns dürfen nicht wie Ergebnisse desselben Tests behandelt werden. Die Quellen werden in den jeweiligen Abschnitten erläutert.

Was zeigen Studien bei Männern mit Diabetes?

Eine 1999 in JAMA veröffentlichte Studie randomisierte 268 Männer mit Diabetes und Erektionsstörungen. Nach zwölf Wochen berichteten in der ausgewerteten Gruppe 74 von 131 Männern unter Sildenafil über verbesserte Erektionen, verglichen mit 13 von 127 unter Placebo – gerundet 56 gegenüber 10 Prozent. Die Studie liefert damit einen direkten Wirksamkeitsnachweis für diese untersuchte Patientengruppe. Quelle: Rendell et al., 1999.

Warum ist eine solche Untersuchung wichtig? Ein großer Gesamtdurchschnitt beantwortet nicht automatisch die Frage eines Menschen mit einer bestimmten Begleiterkrankung. Umgekehrt wäre es ebenfalls falsch, aus dem niedrigeren Prozentwert allein zu berechnen, wie viel „schwächer“ Sildenafil bei Diabetes wirkt: Dafür müsste man vergleichbare Gruppen unter denselben Bedingungen direkt untersuchen.

25, 50 oder 100 mg: Mehr Wirkung ist nicht die ganze Geschichte

Die festen Dosierungsgruppen der EMA-Unterlagen zeigen einen Zusammenhang zwischen Dosis und berichteter Verbesserung. Daraus folgt jedoch keine Empfehlung, stets die höchste Stärke zu wählen. Eine medizinische Entscheidung berücksichtigt auch Verträglichkeit, Begleitmedikamente und Erkrankungen. Die europäische Produktinformation nennt 100 mg als maximale Einzeldosis für die Behandlung der erektilen Dysfunktion und höchstens eine Einnahme pro Tag. Dosisänderungen gehören in die ärztliche Abstimmung. Quelle: europäische Viagra-Produktinformation.

Für die Lektüre von Studien ist außerdem wichtig, ob die Dosis festgelegt oder angepasst wurde. Bei einer flexiblen Untersuchung ist das Ergebnis das Resultat eines Behandlungsschemas mit Anpassungen. Es ist kein sauberer Einzelvergleich zwischen allen verwendeten Stärken. Eine Werbegrafik, die diese Unterscheidung weglässt, kann einen präziseren Eindruck erzeugen, als die Daten erlauben.

Langzeitdaten: Was wissen wir nach vier Jahren?

In einer 2007 veröffentlichten offenen Verlängerungsstudie nahmen 979 Männer teil, die vorher bereits klinische Untersuchungen mit Sildenafil abgeschlossen hatten. 584, also rund 60 Prozent, beendeten die gesamte vierjährige Verlängerung. Bei den jährlichen Auswertungen waren jeweils mehr als 94 Prozent der antwortenden Teilnehmer mit der Wirkung auf ihre Erektionen zufrieden. Insgesamt brachen 62 Männer wegen unzureichender Wirkung ab. Quelle: McMurray et al., 2007.

Das unterstützt die Möglichkeit einer anhaltenden Wirkung bei fortgesetzter Anwendung. Die hohe Zufriedenheit ist aber kein Erfolgsversprechen für alle Neueinsteiger: Die Männer waren vorbehandelt, die Untersuchung war unverblindet und hatte keine Placebokontrolle. Wer früh nicht zurechtkommt, ist in einer späteren Verlängerungsstudie möglicherweise gar nicht vertreten. Außerdem schrumpfte die beobachtete Gruppe über die Jahre. Gerade deshalb gehören Teilnehmerauswahl und Abbrüche neben die positive Ergebniszahl.

Nebenwirkungen: Die Produktinformation bleibt maßgeblich

Zu den bekannten unerwünschten Wirkungen gehören Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Verdauungsbeschwerden, eine verstopfte Nase und Sehstörungen. Sildenafil darf nicht zusammen mit Nitraten, Stickstoffmonoxid-Donatoren wie „Poppers“ oder Riociguat angewendet werden. Weitere Gegenanzeigen und Wechselwirkungen sind zu beachten. Eine Erektion über vier Stunden sowie plötzliche Seh- oder Hörstörungen erfordern sofortige medizinische Hilfe. Bei Brustschmerzen: Notruf, die Sildenafil-Einnahme angeben und keine Nitrate selbst einnehmen. Quelle: Viagra-Produktinformation, Sicherheits- und Anwendungshinweise.

Ein älterer Artikel kann die Wirksamkeit gut dokumentieren und für heutige Sicherheitsentscheidungen trotzdem unvollständig sein. Hier zählt die aktuelle Fach- beziehungsweise Gebrauchsinformation. „Seit Jahrzehnten untersucht“ bedeutet nicht „für jeden geeignet“.

So liest man eine Erfolgsquote, ohne sich täuschen zu lassen

Vor dem Teilen einer beeindruckenden Zahl helfen fünf Fragen. Sie gelten auch für Berichte über andere Behandlungen:

  1. Was wurde gemessen? Eine allgemeine Zufriedenheitsfrage ist etwas anderes als ein validierter Fragebogen oder ein protokollierter Versuch.
  2. Womit wurde verglichen? Ohne Kontrollgruppe bleibt offen, wie sich Beschwerden ohne die Behandlung entwickelt hätten.
  3. Wer wurde untersucht? Alter, Begleiterkrankungen und Ausschlusskriterien bestimmen, auf wen die Ergebnisse übertragbar sind.
  4. Wer fehlt am Ende? Eine hohe Zufriedenheit unter Verbliebenen kann mit vielen Abbrüchen einhergehen. Gründe und Bezugsgröße sind entscheidend.
  5. Wer finanzierte und verfasste die Studie? Interessenkonflikte machen Daten nicht automatisch falsch. Sie gehören aber zur Bewertung, zusammen mit Methoden und unabhängigen Ergebnissen.

Ein weiterer Unterschied ist leicht zu übersehen: Statistische Signifikanz beschreibt nicht, wie groß oder alltagsrelevant ein Nutzen ist. Für Leser ist deshalb ein transparenter Vergleich hilfreicher als das bloße Etikett „wissenschaftlich bewiesen“. Ebenso sollte eine neue Schlagzeile erst eingeordnet werden: Handelt es sich um einen Versuch am Menschen, eine Beobachtungsstudie oder lediglich um Laborforschung?

Was folgt daraus für den Alltag?

Die untersuchten Endpunkte sprechen für eine wirksame Behandlung von Erektionsstörungen in den jeweils geprüften Gruppen. Sie sagen nicht voraus, wie ein bestimmter Abend verläuft. Sinnvoll ist, bei einem Arztgespräch konkrete Beobachtungen zu schildern: Welche Veränderung wurde bemerkt, wie zuverlässig war sie und welche Beschwerden traten auf? Das ist aussagekräftiger als der Vergleich der eigenen Erfahrung mit einer isolierten Prozentzahl.

Bei wiederkehrenden Problemen gehören auch mögliche Ursachen zur Abklärung. Die Diagnose kann eine medizinische, sexuelle und psychische Anamnese, eine körperliche Untersuchung und passende Laboruntersuchungen umfassen. Quelle: NIDDK, Überblick zur erektilen Dysfunktion.

Fazit: Gut untersucht, aber keine Wirkungsgarantie

Sildenafil-Studien sind besonders aufschlussreich, wenn Ergebnis und Einschränkung gemeinsam gelesen werden. Placebokontrollierte Untersuchungen zeigen einen Nutzen; Langzeitbeobachtungen ergänzen das Bild. Die seriöse Antwort lautet deshalb nicht, dass eine Tablette bei einem festen Prozentsatz aller Männer immer funktioniert. Sie lautet: Für Sildenafil gibt es nachvollziehbare klinische Belege – die individuelle Eignung bleibt eine medizinische Frage.

Redaktioneller Stand: 6. September 2026. Die genannten Jahreszahlen bezeichnen die Veröffentlichungen der Studien; ältere Ergebnisse werden hier ausdrücklich nicht als neue Studien dargestellt. Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.

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